Pharma-Kritik

Minoxidil-Lösung

Urspeter Masche
pharma-kritik Jahrgang 10 , Nummer 03, PK645
Redaktionsschluss: 14. Februar 1988
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Synopsis

Minoxidil wird als zweiprozentige Lösung (Regaine®) zur lokalen Behandlung der beginnenden männlichen Glatze angeboten.

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Chemie/Pharmakologie

Minoxidil ist ein arterieller Vasodilatator, der ursprünglich zur Therapie der Hypertonie eingeführt worden ist (Loniten®). Wegen vieler unerwünschter Wirkungen ist es stets ein Antihypertensivum der ferneren Wahl geblieben. Unter anderem tritt bei einem grossen Teil der Patienten eine reversible, nicht endokrin bedingte Hypertrichose auf.(1) Weshalb Minoxidil den Haarwuchs fördert, ist unklar. Wahrscheinlich stimuliert Minoxidil direkt die Haarfollikel oder steigert via Vasodilatation die Hautdurchblutung. Da Minoxidil immunsupprimierende Eigenschaften hat und deshalb die Lymphozytenfunktion beeinflussen kann, ist auch eine günstige Wirkung bei der Alopecia areata denkbar.(1)

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Pharmakokinetik

Von Minoxidil, das in den Blutkreislauf gelangt, werden rund 90% in der Leber abgebaut und via Nieren ausgeschieden. Die Halbwertszeit beträgt 3 bis 4 Stunden.(1) Nach Auftragen einer radioaktiv markierten Minoxidil-Lösung auf eine definierte Kopfhautfläche fanden sich weniger als 5% der gesamten Radioaktivität im Urin, im Stuhl mass man keine Aktivität. Aus den Daten dieser Studie ist errechnet worden, dass aus 3 ml einer auf der Kopfhaut verteilten einprozentigen Minoxidil-Lösung durchschnittlich so viel Wirkstoff wie aus 1,2 mg oral verabreichtem Minoxidil resorbiert werden.(2) 2 bis 3 Stunden nach der Anwendung einer solchen Lösung wurden Plasmakonzentrationen bis zu 5 mg/l gemessen.(3) (Die in der antihypertensiven Therapie verwendete Dosis beträgt 10 bis 40 mg/Tag; mit einer Tagesdosis von 5 mg werden Plasmaspiegel zwischen 156 mg/l [nach 1 Stunde] und 1,5 mg/l [nach 24 Stunden] erreicht.(3))

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Klinische Studien

Einführend sei auf die Schwierigkeit hingewiesen, die Wirksamkeit einer haarwuchsfördernden Substanz zu beurteilen, denn letztlich entscheidet das kosmetische Resultat, und nicht, ob das Haarwachstum statistisch signifikant zugenommen hat.(1)

Alopecia androgenetica
In einer europäischen Doppelblindstudie mit 225 Männern zwischen 18 und 49 Jahren wurde eine zweiprozentige Minoxidil-Lösung (zweimal 1 ml/Tag) mit wirkstofffreier Lösung (Propylenglykol, Äthanol und Wasser) verglichen. Nach 24 Wochen wurden im Zentrum der Glatze auf einer Fläche von etwa 5 cm2 die Vellus- und Terminalhaare gezählt. Die Vellushaare hatten sich in beiden Gruppen ungefähr verdoppelt; die Zahl der Terminalhaare war in der Minoxidil-Gruppe im Durchschnitt von 100 auf 200, in der Placebo-Gruppe von 100 auf 156 gestiegen, ein signifikanter Unterschied. Die Zunahme der Haare in der Placebo-Gruppe beruht möglicherweise auf einem Wachstumsreiz durch die Lösungsmittel. Gemäss den Untersuchern ergab sich bei rund 16% der Männer aus der Minoxidil- Gruppe und bei 5% aus der Placebo-Gruppe ein mittelmässiges bis gutes kosmetisches Resultat. Dagegen war nach dem Urteil der Behandelten Minoxidil bei 23%, die Placebo-Lösung bei 20% wirksam. Während weiteren 24 Wochen erhielten alle 225 Männer die Minoxidil-Lösung, womit bei einem Drittel ein mittelmässiger bis dichter Haarwuchs erreicht wurde.(4)

In einer halbjährigen Doppelblindstudie wurden bei 89 Patienten eine Placebo- und 4 verschiedene Minoxidil-Lösungen (0,01, 0,1, 1 und 2%) verwendet. Mit der zweiprozentigen Lösung wuchsen mehr Haare nach als mit der einprozentigen (nicht-signifikant), und beide wirkten signifikant besser als die übrigen. Auch hier hatten die Haare in der Placebo-Gruppe gesamthaft zugenommen. Ein Grossteil der Patienten erreichte ein höchstens mittelmässiges kosmetisches Ergebnis, dicht erschienen die Haare den Untersuchern bei keinem der Patienten.(5)

In einjährigen doppelblinden Studien an verschiedenen amerikanischen Kliniken wurde bei etwa 2’000 Männern ein identisches Protokoll angewendet. Man bildete 3 Gruppen; die erste erhielt eine zweiprozentige, die zweite eine dreiprozentige Minoxidil-Lösung, und die dritte wurde zunächst 4 Monate lang mit Placebo, anschliessend mit einer dreiprozentigen Lösung behandelt. Fasst man die Resultate zusammen, so waren mit der zweiprozentigen Lösung nach Meinung der Ärzte bei 39% der Männer die Haare mittelmässig bis dicht nachgewachsen. Das beste kosmetische Ergebnis ergab sich bei den zunächst mit Placebo Behandelten, wo bei rund der Hälfte die Haare sichtbar zugenommen hatten.(6) Die Resultate waren nicht in allen Zentren gleich befriedigend. Immerhin weist eine Autorin darauf hin, dass der Haarverlust bei keinem der Männer unter der Behandlung fortgeschritten ist, was jedoch auch Ausdruck des natürlichen Verlaufs in der Glatzenentwicklung sein könnte.(7)

Ein Dermatologe schloss aus einer eigenen Studie mit 56 Männern, dass die Erfolgschancen einer Minoxidil-Therapie am grössten seien, wenn der Glatzendurchmesser weniger als 10 cm beträgt und der Beginn der Glatzenent wicklung nicht mehr als 5 Jahre zurückliegt. Ein frontotemporaler Haarverlust sprach auf die Minoxidil-Therapie nicht an.(8) Nach diesen Kriterien wählte er 91 Männer aus und erreichte mit der zweiprozentigen Lösung nach einem Jahr bei 51 ein kosmetisch akzeptables Resultat.(8)

In einer grossen, unkontrollierten Studie benutzten 430 Männer während 6 Monaten eine einprozentige Minoxidil- Lösung (je nach Ausprägung der Glatze 1 oder 1,5 ml zweimal täglich). Bei 78 Patienten (18%) wuchsen grosse pigmentierte Terminalhaare nach, so dass das Resultat als gut bezeichnet werden konnte. Bei 180 (42%) sprossen neue, aber nur kleine Haare, was kosmetisch nicht überzeugte. In den übrigen 172 Fällen (40%) wirkte Minoxidil nicht. Die 78 erfolgreich Behandelten wurden nochmals beurteilt, nachdem sie ein Jahr lang kein Minoxidil mehr verwendet hatten. Die ursprüngliche Verbesserung war nur bei 26 erhalten geblieben.(9)

Alopecia areata
Es wird von 2 Doppelblindstudien bei Alopecia areata (total 38 Patienten) kurz berichtet, dass Minoxidil nur bei wenigen Fällen zu einer kosmetisch befriedigenden Besserung führte.(10,11)
In einer offenen Studie wurden 26 Frauen und 22 Männer mit einer einprozentigen Minoxidil-Lösung behandelt, was bei 11 Patienten zu einem befriedigenden Resultat führte. 17 Patienten entnahm man während der Studie Biopsien aus der Kopfhaut. Minoxidil hatte perivaskuläre Lymphozyteninfiltrate nur minim, perifollikuläre hingegen stark reduziert.(3)

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Unerwünschte Wirkungen

Es können lokale Reaktionen (Jucken, gereizte oder trockene Haut mit Schuppung) auftreten, die auch durch die Lösungsmittel verursacht sein können. Von 465 mit einer einprozentigen Lösung Behandelten hatte sich bei 2 eine allergische, bei 1 eine photoallergische Kontaktdermatitis entwickelt, wobei in den folgenden Hauttests Minoxidil als sensibilisierende Substanz ermittelt wurde.(12) In den meisten Studien traten keine systemischen Nebenwirkungen auf. Eine einwöchige grossflächige Anwendung von einprozentigem Minoxidil über dem Abdomen veränderte den Blutdruck bei 5 Hypertonikern nicht.(13) Andererseits wird berichtet, dass es mit Minoxidil (dreiprozentige Lösung zweimal täglich) bei 7 von 30 Personen mit normalem Blutdruck zu einer deutlichen Blutdrucksenkung gekommen sei.(14)

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Dosierung, Verabreichung, Kosten

Minoxidil 2% (Regaine®) ist nicht kassenzulässig und -- rezeptpflichtig -- in einer 60-ml-Flasche zum Preis von Fr. 68.50 erhältlich. Von der Lösung soll zweimal täglich 1 ml über der Kopfhaut verteilt werden. Der Therapieeffekt wird erst nach einigen Monaten sichtbar und verschwindet in der Regel wieder, wenn man zu behandeln aufhört. Vorläufig gilt die Alopecia androgenetica bei jüngeren Männern als einzige Indikation.

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Kommentar

Kaum mehr als ein Drittel der Männer, welche die Minoxidil- Lösung mindestens ein Jahr benutzen, werden mit einem kosmetisch zufriedenstellenden Haarwuchs rechnen können. Die Erfolgsaussichten scheinen um so grösser zu sein, je früher man mit Minoxidil in den Verlauf der Glatzenbildung eingreift. Da Minoxidil auch in der Laienpresse als «das einzige Haarwuchsmittel mit nachgewiesener Wirkung» gepriesen wird, ist anzunehmen, dass es auch von Männern benützt wird, die nur minime Chancen auf einen Erfolg haben. Für viele dürfte so der -- teure -- Therapieversuch mit einer Ernüchterung enden. Nach heutigem Wissen muss Minoxidil lebenslang angewendet werden, um einen eventuellen Behandlungserfolg zu stabilisieren. Über die langfristigen Konsequenzen einer Anwendung wissen wir aber noch nichts. Um so eher empfiehlt es sich, Minoxidil zurückhaltend zu verschreiben.

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Literatur

  1. S.P. Clissold und R.C. Heel: Drugs 33: 107, 1987
  2. T.J. Franz: Arch. Dermatol. 121: 203, 1985
  3. V.C. Weiss et al.: Arch. Dermatol. 120: 457, 1984
  4. J. Civatte et al.: Dermatologica 175: 42, 1987
  5. E.A. Olsen et al.: J. Am. Acad. Dermatol. 15: 30, 1986
  6. Scrip Nr. 1190: 26, 1987
  7. E.A. Olsen et al.: J. Am. Acad. Dermatol. 13: 185, 1985
  8. R.L. De Villez: Dermatologica 175: 50, 1987
  9. A. Tosti: Dermatologica 173: 136, 1986
  10. S.I. White und P.S. Friedmann: Arch. Dermatol: 121: 591, 1985
  11. G. Frentz: Acta Derm. Venereol. 65: 172, 1985
  12. A. Tosti et al.: Contact Dermatitis 13: 275, 1985
  13. L.T. Brunozzi et al.: Acta Ther. 12: 373, 1986
  14. R.R. Ranchoff und W.F. Bergfeld: J. Am. Acad. Dermatol. 12: 586, 1985
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Standpunkte und Meinungen

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