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Hütet euch vor Diagnosen!

Autor(in): Philipp Gysling
Datum: 7. Juni 2012

Drei Fachleute berichten im BMJ über ein immer wichtigeres Problem: In letzter Zeit werden mehr und mehr Leute mit einer Krankheitsdiagnose versehen, obwohl sie keine Symptome haben und ihr Leben von der "Krankheit" nicht bedroht ist. Man spricht in diesen Fällen von "Overdiagnosis". 

Erweiterte Krankheitsdefinitionen und frühere Diagnosen von solchen "Krankheiten" können gesunden Leuten schaden, da dann auch die Gefahr besteht, dass sie überbehandelt werden. Es werden möglicherweise unnötige Tests durchgeführt und unnötige Arzneimittel verabreicht.  Diese Problematik wird in erster Linie durch technische Fortschritte verursacht, die eine viel genauere und frühere Erkennung von "abnormen" Befunden erlauben. Auch bei Screenings werden sogen. „Incidentalome“ - zufällig entdeckte Unregelmässigkeiten  - gefunden. So wird eine steigende Zahl von Leuten als krank eingestuft. Interessant ist z.B. die Tatsache, dass die Inzidenz vieler Krebsarten stark angestiegen ist, aber gleichzeitig die Mortalitätsraten stabil geblieben sind. Dies wird als eine eindeutige Folge von "Overdiagnosis" bewertet. Es gibt verschiedene Hinweise darauf, dass ein beträchtlicher Teil der Krebsdiagnosen, die mit verbreiteten Tests entdeckt werden, Pseudodiagnosen sind. Unnötige Krankheitsdiagnosen können dazu führen, dass die Schäden der Behandlung den Nutzen überwiegen, denn viele Leute werden für "Krankheiten" behandelt, deren Symptome sie niemals erleben würden.

In der Klinik ist es wichtig, dass man zwischen benignen Abweichungen von der Norm und solchen, die zu einer echten Schädigung führen können, unterscheidet. Verschiedene Fachleute sind der Meinung, dass das Phänomen "Overdiagnosis" heute ein besorgniserregendes Ausmass angenommen hat. Die Frage, wann oder in welchen Fällen die verfügbaren Tests angewendet werden sollen, lässt sich jedoch nicht einfach beantworten.

Nach mehreren Autoren ist in vielen Fällen unklar, welchen Nutzen die heute immer reichlicher vorhandenen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten erbringen. Ärztinnen und Ärzte wollen jedoch nicht dafür haftbar sein, dass eine Krankheit verzögert oder gar nicht entdeckt wird. Sie neigen daher grundsätzlich dazu, eher zu viele als zu wenige Diagnosen zu stellen. Es wird (vielleicht fälschlicherweise) angenommen, dass die Früherkennung einer Erkrankung und deren Behandlung immer den korrekten Ansatz darstellt. So kommt es dazu, dass eine Behandlung nur auf Grund des vermuteten gesundheitlichen Risikos erfolgt, aber nicht, weil Symptome vorliegen.

Das Phänomen "Overdiagnosis" hat neben den möglichen Gesundheitsschäden auch finanzielle Folgen. In den USA wird geschätzt, dass über 200 Milliarden Dollar an unnötigen Behandlungen vergeudet werden.

Beispiele von "Overdiagnosis":


Abschliessend hält der Text fest, dass vor allem auch bei der Behandlung von "Incidentalomen" mehr Vorsicht geboten ist. Ausserdem sollten die Kriterien beim Brustkrebsscreening angepasst werden, so dass es seltener zu einer "Overdiagnosis" kommt.
Die ganze Problematik soll im September 2013 anlässlich einer Tagung in den USA diskutiert werden. Finanziell interessierte Kreise sollten zukünftig von der Einflussnahme bei der Definition von Krankheiten ausgeschlossen werden.

Link zum Originaltext im BMJ (nicht gratis im Volltext verfügbar)
Lesen Sie auch den pharma-kritik-Text zum Schwangerschafts-Diabetes.

 
Hütet euch vor Diagnosen! (7. Juni 2012)
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