Pharma-Defizite
- Autor(en): Etzel Gysling
- pharma-kritik-Jahrgang 46
, Nummer 5, PK1375
Redaktionsschluss: 6. Mai 2025
In den letzten Jahrzehnten haben sich die Möglichkeiten, Krankheiten mit Medikamenten vorteilhaft zu beeinflussen, zweifellos in vielen Bereichen stark verbessert. Aktuell stehen die GLP-1-Rezeptoragonisten als Superstars im Vordergrund. Aber auch für viele seltene oder sehr seltene Erkrankungen stehen heute medikamentöse Optionen zur Verfügung, die zwar sehr teuer, aber auch wirksam sind. Neuere Beispiele sind die sogen. CFTR-Modulatoren bei zystischer Fibrose (Mukoviszidose) oder der «TTR-Stabilisator» Tafamidis bei kardialer Transthyretin-Amyloidose. Besonders viele Menschen profitieren von den Fortschritten in der Onkologie. Dank diesen dürfen viele Krebskranke mit weit besseren Überlebenschancen als noch vor 20 oder 30 Jahren rechnen.
Dennoch denkt man in der hausärztlichen Praxis nicht so selten, man hätte bei vielen «banalen» Problemen sehr gern ein Pharmakon mit einem besseren Nutzen/Risiko-Verhältnis zur Verfügung. Das hängt mindestens teilweise damit zusammen, dass unsere Ansprüche an die Pharmakotherapie gestiegen sind. Ein Beispiel: Wenn man früher kaum gezögert hätte, jemandem bei Brechreiz oder Erbrechen Domperidon (Motilium® u.a.) oder Metoclopramid (Paspertin® u.a.) zu verschreiben, halten uns heute die möglichen Nebenwirkungen dieser Medikamente (z.B. die extrapyramidalen Probleme) oft davon ab. Mit ähnlichen Schwierigkeiten sind wir bei anderen «Alltagssymptomen» konfrontiert: Welches Antidepressivum, welches Anxiolytikum, welches Schlafmittel ist problemlos? Gerade bei der Behandlung starker chronischer Schmerzen ist das therapeutische Dilemma gross. Nicht-medikamentöse Massnahmen sind dabei leider öfter nicht ganz erfolgreich. Dass aber eine längerfristige Verabreichung von «starken» Schmerzmitteln negative Folgen zeitigt, ist heute überzeugend nachgewiesen. Nicht nur die Opioide, auch die einstfavorisierten nicht-steroidalen Entzündungshemmer sind problematisch. In Anbetracht der zunehmenden Resistenzen gegenüber gebräuchlichen Antibiotika wäre es auch oft wünschenswert, allenfalls neuere Alternativen einsetzen zu können.
Die Pharma-Industrie ist ja gewiss nicht ausschliesslich an Problemen der «Wenigen», sondern auch der «Vielen» interessiert. Dies lässt sich an den – bisher noch wenig überzeugenden – Bemühungen um ein Medikament ablesen, das den kognitiven Abbau im Alter aufhalten würde. Es trifft aber auch zu, dass nun seit vielen Jahren kaum neue Wirkstoffe eingeführt worden sind, die sich für eine problemlose Behandlung von «Alltagssymptomen» einsetzen liessen.
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