Pharma-Kritik

Cefuroxim-Axetil

Hans Gammeter
pharma-kritik Jahrgang 13, Nummer 2, PK554
Redaktionsschluss: 28. Januar 1991
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Synopsis

Cefuroxim-Axetil (Zinat®), ein neues orales Cephalosporin, wird vor allem zur Behandlung von Infekten im ORLBereich und im Respirationstrakt empfohlen.

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Chemie/Pharmakologie

Cefuroxim-Axetil gehört als Cephalosporin zu den Betalaktam- Antibiotika, die sich an spezielle Rezeptoren der Bakterienmembran binden und dort die Mukopeptidsynthese der Zellwand verhindern. Die Grundsubstanz Cefuroxim wird schon seit mehreren Jahren als parenteral verabreichbares Cephalosporin der zweiten Generation (Zinacef®) verwendet. Durch Veresterung mit einem Acetoxyäthyl-Molekül konnte ein enteral resorbierbares «Prodrug» geschaffen werden. Unspezifische Esterasen der Darmmukosa spalten beim Resorptionsvorgang die aktive Substanz ab.

Antibakterielles Wirkungsspektrum

Cefuroxim ist als Cephalosprin der zweiten Generation annähernd so wirksam wie Penicillin G gegen Streptokokken der Gruppen A und B, gegen Streptococcus viridans und gegen Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae). Gegen Staphylokokken ist es ähnlich wirksam wie andere orale Cephalosporine. Methicillin-resistente Staphylokokken und viele Enterokokken sind gegen Cefuroxim resistent. Unter den gram-negativen Keimen sind die meisten (auch Betalaktamase-bildende) Stämme von Neisseria gonorrhoeae, Haemophilus influenzae und Branhamella catarrhalis auf Cefuroxim empfindlich. Cefuroxim ist im allgemeinen resistenter gegen die von gram-negativen Keimen gebildete Betalaktamase als Cefaclor (Ceclor®) oder Cefalexin (Ceporex®, Keflex®). Das Medikament besitzt auch eine gute Aktivität gegen viele Enterobacteriaceae (E. coli, Klebsiella pneumoniae, Proteus mirabilis u.a.). Dagegen sind Pseudomonas, Acinetobacter und Campylobacter resistent. Von den Anaerobiern sind z.B. Peptococcus und Fusobacterium empfindlich, Bacteroides fragilis und viele Clostridien jedoch meistens resistent.

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Pharmakokinetik

Die galenische Zubereitung der Cefuroxim-Axetil-Tabletten ist mehrfach geändert worden; frühere Kinetik-Studien sind deshalb für die heute verwendete Form nicht repräsentativ. Die folgenden Angaben beziehen sich auf die heute verfügbaren Filmtabletten. Im Gegensatz zu anderen Cephalosporinen wird Cefuroxim-Axetil besser biologisch verfügbar, wenn es mit oder nach dem Essen eingenommen wird. So kann eine systemische Verfügbarkeit zwischen 40 und 60% erreicht werden.(1) Die Wirkstoffspiegel variieren stark, Maxima sind 2 bis 3 Stunden nach der Einnahme festzustellen. Die Plasmahalbwertszeit beträgt ungefähr 1,2 Stunden. Cefuroxim wird unverändert durch die Nieren ausgeschieden. Die Substanz kann in der Muttermilch nachgewiesen werden.

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Klinische Studien

Cefuroxim-Axetil hat sich bei Pharyngotonsillitis, Otitis media, Bronchitis, Haut- und Weichteilinfekten, Harnwegsinfekten sowie bei der Gonorrhoe als wirksam gezeigt. (2) Das Medikament wurde in verschiedenen Studien mit anderen Antibiotika verglichen.
Cefuroxim-Axetil wird wegen seiner Aktivität gegen Betalaktamase-bildende Keime als besonders geeignet für die Behandlung von Sinusitis und Otitis bezeichnet. Gemäss neueren Untersuchungen bilden allerdings in der Schweiz immer noch weniger als 10% der Haemophilus-influenzae-Stämme Betalaktamasen. Auch die Resistenzquoten gegen Tetrazykline und Cotrimoxazol (Bactrim® u.a.) liegen in der Schweiz deutlich unter 10%. Die untersuchten Branhamella-catarrhalis- Stämme waren alle auf Erythromycin und Tetrazykline empfindlich.(3)
In einer Studie bei 128 Patienten im Alter zwischen 12 und 70 Jahren mit Sinusitis, Otitis oder Pharyngitis wurden Cefuroxim-Axetil (2mal 250 mg/Tag) und Amoxicillin/Clavulansäure (Augmentin® 625, ebenfalls nur 2mal/Tag) verglichen. Die beiden während 7 bis 10 Tagen verabreichten Medikamente ergaben klinisch vergleichbare Ergebnisse (Heilungsraten um 90%). Die Patienten mit Sinusitis wurden unter Cefuroxim-Axetil um einen Tag schneller schmerzfrei.(4) Ähnlich gute Resultate ergaben sich in einer anderen Studie bei Patienten mit Infekten der oberen Luftwege: eine nur 5 Tage dauernde Therapie mit Cefuroxim- Axetil oder Amoxicillin/Clavulansäure führte in mehr als 90% zur klinischen Heilung.(5)
In einer Studie bei 93 Kindern mit Streptokokken-Pharyngitis war Cefuroxim-Axetil (2mal 125 mg/Tag) klinisch und bakteriologisch ebenso gut wirksam wie Penicillin V (3mal 250 mg/Tag).(6) 115 Kinder mit Otitis media erhielten Cefuroxim- Axetil oder Cefaclor; mit Cefuroxim-Axetil wurden klinisch bessere Resultate erreicht.(7) In zwei grossen, zusammen über 1000 Kinder mit Otitis media umfassenden Studien erwies sich Cefuroxim-Axetil im Vergleich mit Cefaclor, Amoxicillin (Clamoxyl® u.a.)oder Amoxicillin/Clavulansäure als mindestens ebenbürtig.(8,9) Diese Studien sind aber mit einer Cefuroxim-Axetil-Suspension durchgeführt worden, die in der Schweiz nicht verfügbar ist.
In der Behandlung Erwachsener mit Bronchitis oder Pneumonie war Cefuroxim-Axetil ungefähr gleich wirksam wie Amoxicillin oder Cefaclor.(10,11) In einer offenen Studie bei 51 Personen mit Exazerbationen einer chronischen Bronchitis war das Behandlungsresultat allerdings trotz hoher Dosis (2mal 1 g/Tag) nur bei 60% gut.(12)
Bei unkomplizierter urogenitaler oder rektaler Gonorrhoe hat sich Cefuroxim-Axetil in einer Einmaldosis von 1,0 bis 1,5 g (eventuell zusammen mit 1 g Probenecid) als ebenso wirksam wie Amoxicillin/Clavulansäure oder Amoxicillin + Probenecid erwiesen.(13,14)

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Unerwünschte Wirkungen

Unter den unerwünschten Wirkungen stehen gastrointestinale Symptome im Vordergrund; bei rund 4% der Behandelten tritt Durchfall auf, Brechreiz/Erbrechen sowie Magenbeschwerden sind seltener. In Einzelfällen ist eine pseudomembranöse Enterokolitis beobachtet worden. Bei 5 bis 10% der Penicillin-Allergiker besteht eine Kreuzallergie auf Cephalosporine. Unter Cefuroxim-Axetil können die Transaminasen und die Thormbozytenzahl ansteigen. Eine Resistenzentwicklung ist möglich: in Grossbritannien waren 1989 bereits 19% der untersuchten gram-negativen Keime auf Cefuroxim-Axetil resistent.(15)

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Dosierung, Verabreichung, Kosten

Cefuroxim-Axetil (Zinat®) wird als Filmtabletten zu 125, 250 und 500 mg angeboten. Das Medikament ist in der Schweiz kassenzulässig. Die Standarddosierung für Personen ab 12 Jahren beträgt zweimal täglich 250 mg; bei schweren Infekten kann diese Dosis verdoppelt werden. Die Tabletten sind nach den Mahlzeiten einzunehmen. Für Kinder zwischen 5 und 12 Jahren wird eine Standarddosis von zweimal 125 mg/Tag angegeben. Bei Otitis media soll auch im Kindesalter mit zweimal 250 mg behandelt werden. Ein Sirup, der sich zur Verabreichung im Kindesalter eignen würde, ist zurzeit nicht erhältlich. Da das Medikament einen sehr bitteren Geschmack hat, sollen die Tabletten weder zerkaut noch zerkleinert werden.
Cefuroxim gehört zur Schwangerschaftskategorie B. Da das Medikament in die Muttermilch ausgeschieden wird, sollte während einer Cefuroxim-Therapie nicht gestillt werden. Bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz wird empfohlen, die Tagesdosis auf die Hälfte zu reduzieren. Eine Originalpackung Zinat® (Filmtabletten zu 250 mg) kostet Fr. 47.30, reicht aber nur für 7 Tage Standardtherapie (2mal 250 mg/Tag). Soll 10 Tage lang behandelt werden (wie z.B. bei Otitis media üblich), so verdoppeln sich die Kosten. Unterschiedliche Dosierungsempfehlungen und Packungsgrössen erschweren den Kostenvergleich mit anderen Antibiotika. Mit Cotrimoxazol und Penicillin V kann jedoch zweifellos billiger behandelt werden.

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Kommentar

Cefuroxim-Axetil interessiert zunächst wegen seiner zuverlässigen Aktivität gegen Betalaktamase-bildende Erreger (z.B. Haemophilus influenzae). Solche Keime sind allerdings in der Schweiz immer noch selten. Infekte im ORL-Bereich können in den meisten Fällen erfolgreich mit Amoxicillin oder Cotrimoxazol behandelt werden. Bei Streptokokken-Angina ist das bewährte Penicillin vorzuziehen. Für die Behandlung der Otitis media sollte eine kindergerechte Darreichungsform zur Verfügung stehen, was für Cefuroxim-Axetil zurzeit nicht der Fall ist. Der Stellenwert des neuen oralen Cephalosporins in der Therapie von Infekten der unteren Luftwege und der Harnwege ist mit den vorliegenden Studien noch ungenügend bestimmt. Als weiterer Vorteil von Cefuroxim-Axetil wird hervorgehoben, dass das Medikament nur zweimal täglich eingenommen werden muss. In dieser Hinsicht stellt Cefuroxim-Axetil jedoch kaum eine Innovation dar, da mehrere orale Antibiotika (auch Aminopenicilline) ebenfalls im 12-Stunden-Rhythmus verabreicht werden können.
Beim heutigen Wissensstand kann Cefuroxim-Axetil wie andere orale Cephalosporine lediglich als Reserve-Antibiotikum bezeichnet werden.

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Literatur

  1. Finn AL et al. Biopharm Drug Dispos 1987; 8: 519-26
  2. Marx MA, Fant WK. Drug Intell Clin Pharm 1988; 22:651-8
  3. Kayser FH, Bille J. Schweiz Rundsch Med (Praxis) 1990; 79: 1383-6
  4. Roge J et al. J Franç Oto Rhino Laryng 1989; 38: 138-43
  5. Hebblethwaite EM et al. Drugs Exper Clin Res 1987; 13: 91-4
  6. Pichichero ME et al. Clin Pediatr 1987; 26: 453-8
  7. McLinn SE et al. Curr Ther Res 1987; 43: 1-11
  8. Pichichero M et al. South Med J 1990; 83: 1174-7
  9. Brodie DP et al. J Int Med Res 1990; 18: 235-9
  10. Cooper TJ et al. J Antimicrob Chemother 1985; 16: 373-8
  11. Schleupner CJ et al. Arch Intern Med 1988; 148: 343-8
  12. Davies BI et al. Infection 1987; 15: 253-6
  13. Reichman RC et al. Sex Transm Dis 1985; 12: 184-7
  14. Schift R et al. Genitourin Med 1986; 62: 313-7
  15. Drug Ther Bull 1989; 27: 5-6
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Standpunkte und Meinungen

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