Ein Wunschzettel

ceterum censeo

Von den ersten Entwicklungsetappen bis zur Markteinführung legt ein Medikament bekanntlich einen langen Weg zurück. Für den weitaus grössten Teil dieses Weges liegen Verantwortung und Verdienst bei der Industrie. Wer sich mit Vor- und Nachteilen von Medikamenten befasst, muss sich deshalb mit den verschiedensten Aktivitäten der pharmazeutischen Industrie ausienandersetzen. Dies gilt auch für pharma-kritik. Dabei lässt es sich nicht vermeiden, dass uns gewisse Mängel besonders stören, während anderseits positive Aspekte «selbstverständlicher» sind und weniger auffallen. Viele der Mängel, die wir beobachten, liessen sich aber beheben. Ich habe daher hier einmal einen kleinen Wunschzettel zuhanden der Industrie zusammengestellt.

Besonders wichtig erscheinen mir einige Postulate, die sich auf die klinischen Studien beziehen. Hier wäre in erster Linie mehr Transparenz erwünscht. Natürlich ist mir bewusst, dass klinische Studien -- da von der Industrie finanziert -- gewissermassen privates Eigentum der Sponsor- Firma darstellen. Von dem Augenblick an jedoch, da ein Medikament ärztlich verordnet und in der Apotheke beschafft werden kann, wird es zu einem Allgemeingut. Oft werden leider auch dann noch Studienresultate, die mit diesem Medikament gewonnen wurden, als vertrauliche, firmeninterne Dokumente behandelt. Viele Studien, die nicht «wunschgemäss» verlaufen sind, werden gar nicht publiziert. Dies führt zu einem verfälschten, «geschönten» Bild des neuen Medikamentes. Es wäre aber wichtig zu wissen, wieviele Studien ein negatives oder nicht-signifikantes Resultat ergeben haben oder auch, weshalb einzelne Studien nicht zu Ende geführt worden sind usw. Klinische Studien sollten konsequent fortlaufend numeriert werden. Bei der Einführung eines Medikamentes könnten die Resultate aller Studien in tabellarischen Übersichten dargestellt werden, wobei die Studiennummern als Kontrolle der Vollständigkeit dienen würden. Die Zeiten, da die ärztliche Kunst auf geheimnisvollen Wunderdrogen beruhte, sind längst vorüber. Heute brauchen wir die ganze Information über die Substanzen, die unsere Patienten einnehmen sollen.

Im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen über klinische Studien wäre auch mehr Sorgfalt gefragt. Dass auch heute noch viele Studien mehrfach publiziert werden (z.B. in verschiedenen «Supplementa» auch angesehener Zeitschriften), ist skandalös. Oft ist es schwierig, aus einem Text herauszulesen, dass es sich z.B. um einen Bericht über ein Teil einer Studie handelt, die an anderer Stelle als Ganzes rapportiert wird. Klinische Studien sollten in allen Publikationen mit der vorgeschlagenen seriellen Nummer identifiziert werden. So wäre wenigstens gesichert, dass sich Studien von publikationswütigen Autoren oder Firmen nicht «von selbst» vermehren.

Nach wie vor lässt auch der Werbestil der Industrie zu wünschen übrig. Allgemein sollte ein zurückhaltenderer Einsatz der Werbemittel angestrebt werden. Ist es wirklich notwendig, dass wir Ärzte mit Glanzpapierheften über ferne Länder «bedient» werden, wobei diese Hefte ihre Existenz lediglich der grosszügig eingestreuten Pharmawerbung verdanken? Brauchen wir tatsächlich so viele Ärztebesucher? Wäre es nicht endlich möglich, Pharma- Inserate mit einem aussagekräftigen Minimum an Verschreibungsinformation zu versehen? Ist es denn undenkbar, dass die Industrie internationale Standards ihrer an Arzt und Apotheker gerichteten Information entwickelt? (Immer noch erhalten z.B. amerikanische Ärzte wesentlich präzisere Angaben zu unerwünschten Wirkungen als wir Schweizer.) Zu all diesen Fragen gehört eine andere, zentrale Frage: Ist die Industrie willens und fähig, firmenzentrierte Information und Werbung den Interessen des kranken Menschen unterzuordnen?

Daneben hätte ich noch ein paar Wünsche, die einzelne Medikamente oder bestimmte Arzneimittelformen betreffen. Vermehrt sollten wir hier von internationalen Erfahrungen profitieren können. Liest man z.B. amerikanische Fachliteratur, so gewinnt man nicht selten den Eindruck, es fehlten uns nützliche Arzneimittelformen. So ist es in den USA möglich, ein völlig zuckerfreies Plantago-Präparat (Metamucil®), hochdosierte Nifedipin-Retardtabletten (bis zu 90 mg/Tablette) oder kleine (leicht zu schluckende) Ibuprofen-Tabletten zu verschreiben. Besonders irritiert hat es mich, dass die neue Klasse von Cholesterinsenkern, die HMG-CoA-Reduktasehemmer, in der Schweiz verzögert eingeführt worden sind. Ist es nicht eigenartig, dass neue Medikamente, die andernorts angeblich «einen Durchbruch in der Therapie schwerer Hypercholesterinämien » darstellen, den Schweizer Patienten während mehreren Jahren vorenthalten geblieben sind?

Das weltweit am häufigsten verschriebene Präparat dieser Gruppe (Lovastatin) ist in der Schweiz bis auf weiteres nicht erhältlich; stattdessen ist diese Medikamentengruppe neuestens durch eine nahe verwandte Substanz (Simvastatin = Zocor®) auch in der Schweiz vertreten. Die Verzögerung beruht offenbar auf patentrechtlichen (lies: finanziellen) Gründen. Der Sachverhalt lässt zwei Interpretationen zu: entweder bringt das Medikament gar nicht so viel oder man hat die Schweizer Patienten als «quantité négligeable» betrachtet.
Ich weiss, dass mein Wunschzettel keine unmittelbaren Folgen haben wird. Anderseits bin ich davon überzeugt, dass Mängel und Missstände nur dann behoben werden, wenn solche Probleme immer wieder aufgegriffen und publik gemacht werden.

Etzel Gysling

Standpunkte und Meinungen

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Ein Wunschzettel (28. Dezember 1989)
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pharma-kritik, 11/No. 24
PK602

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