Pharma-Kritik

Bilastin

Urspeter Masche
pharma-kritik Jahrgang 34 , Nummer 4, PK876
Redaktionsschluss: 10. Juli 2012
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Bilastin (Bilaxten®) ist ein neues Antihistaminikum zur Behandlung der allergischen Rhinokonjunktivitis und chronischen Urtikaria.

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Chemie/Pharmakologie

Bilastin, ein Piperidin- und Benzimidazolderivat, bindet sich wie andere Antihistaminika kompetitiv und reversibel an den Histamin-H1-Rezeptor; sonstige Rezeptoren – seien es andere histaminerge (H2, H3 oder H4), seien es muskarinische, serotoninerge oder adrenerge – werden nicht beeinflusst. Antihistaminika fungieren als sogenannte inverse Agonisten, indem sie den H1-Rezeptor in seinem inaktiven Zustand stabilisieren. Die antihistaminische Eigenschaft von Bilastin wurde unter anderem dadurch bestätigt, dass es die Histamin-induzierte Hautquaddelbildung ebenso zu unterdrücken vermochte wie Cetirizin (Zyrtec® u.a.). Bilastin passiert nur begrenzt die Blut-Hirn-Schranke und zeigt keine bedeutsamen ZNS-dämpfenden Wirkungen – es lässt sich somit den nicht-sedierenden Antihistaminika zuordnen. Auch ist in den pharmakologischen Untersuchungen bislang kein Einfluss auf die ventrikuläre Repolarisation zutage getreten.(1-3)

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Pharmakokinetik

Nach oraler Einnahme von Bilastin ergibt sich die maximale Plasmakonzentration nach 1 bis 1½ Stunden. Die biologische Verfügbarkeit beträgt 61%; sie wird durch Nahrungsmittel sowie Grapefruit- und andere Fruchtsäfte um bis 30% vermindert; man erklärt sich das damit, dass Bilastin ein Substrat des organischen Anionentransporters OATP1A2 ist – ein Transportprotein, das sich auch im Dünndarm findet und durch Flavonoide gehemmt wird. Bilastin wird nicht metabolisiert und in unveränderter Form zu zwei Dritteln über den Stuhl und zu einem Drittel über die Nieren ausgeschieden (wobei die Nieren Haupteliminationsweg des systemisch verfügbaren Bilastins sind). Die terminale Halbwertszeit liegt bei 14½ Stunden. Bei Niereninsuffizienz ist mit einem Anstieg der durchschnittlichen Bilastin-Konzentration zu rechnen.(1-3)

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Klinische Studien

Die vier massgebenden klinischen Studien, die sich mit Bilastin auseinandersetzten, fanden doppelblind und placebokontrolliert statt – bei Kollektiven, die einen Altersbereich von 12 bis 70 Jahren umschlossen. Die Bilastin-Dosierung betrug jeweils einmal 20 mg/Tag.

In zwei Studien prüfte man Bilastin bei saisonaler allergischer Rhinitis: Bei 720 Personen wurde Bilastin mit Desloratadin (Aerius®, 1-mal 5 mg/Tag) verglichen. Erfasst wurden Symptome, welche die Nase betrafen (Rhinorrhoe, Niesen, Jucken, Verstopfung), aber auch solche, die sich an den Augen äusserten, und andere. Daraus wurde ein «Total Symptom Score» errechnet, der auf einer Zeitachse über 14 Tage aufgetragen wurde; die Fläche unter dieser Kurve bildete den primären Endpunkt. Bei Bilastin erreichte sie einen Wert von 98,4, bei Desloratadin 100,5 und bei Placebo 118,4. Beide Antihistaminika nützten somit in ähnlichem Umfang und signifikant besser als Placebo.(4) Die andere Studie folgte demselben Schema, ausser dass Cetirizin (1-mal 10 mg/Tag) statt Desloratadin als Referenzsubstanz diente. Auch hier erfuhren die 681 Patienten und Patientinnen mit beiden Antihistaminika – Bilastin und Cetirizin – gleichermassen Erleichterung.(5)

Mit der perennialen allergischen Rhinitis befasste man sich in einer Studie mit 641 Leuten, die 4 Wochen lang behandelt wurden. Dabei vermochte Bilastin die Beschwerden von Seiten der Nase und Augen ebenso gut zu lindern wie Cetirizin.(6) Diese Studie wurde in offener Weise fortgesetzt, indem man das Gros des Kollektivs (n=513) ein Jahr lang Bilastin einnehmen liess. Laut einer Zusammenfassung konnten damit die Symptome weiterhin unter Kontrolle gehalten werden.(1)

516 Patienten und Patientinnen mit chronischer Urtikaria – das heisst mit mindestens dreimal pro Woche auftretenden Hautquaddeln ohne erkennbare Ursache – erhielten Bilastin, Levocetirizin (Xyzal®, 5 mg/Tag) oder Placebo. Während der 4-wöchigen Therapie liessen sich Juckreiz sowie Anzahl und Grösse der Quaddeln, gemessen an einem von 0 bis 9 Punkte reichenden «Total Symptom Score», folgendermassen bessern: mit Bilastin von 6,9 auf 2,6 Punkte, mit Levocetirizin von 6,7 auf 2,1 Punkte und mit Placebo von 6,7 auf 3,7 Punkte.(7)

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Unerwnschte Wirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen, die man bei Bilastin beobachtete, waren Schwindel, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schläfrigkeit. Sedierende Effekte traten bei Bilastin ungefähr gleich häufig auf wie bei Desloratadin und etwas seltener als bei Cetirizin und Levocetirizin; die Differenz zwischen Bilastin und Cetirizin ist aber nicht erheblich: bei rund 25 Personen müsste man Cetirizin durch Bilastin ersetzen, um einer Person Müdigkeit oder Schläfrigkeit zu ersparen. Wie bereits erwähnt, hat Bilastin gemäss den vorliegenden Untersuchungen keine Auswirkungen auf die QT-Zeit, also vermutlich kein arrhythmogenes Potential.(1-3)

Interaktionen

Bilastin ist ein Substrat von P-Glykoprotein (was auch als wichtiger Grund für die geringe Hirngängigkeit anzusehen ist). Induktoren dieses Transportproteins (z.B. Johanniskraut, Rifampicin) lassen eine Abnahme der Bilastin-Konzentration erwarten, Inhibitoren (z.B. gewisse Makrolid-Antibiotika, Kalziumantagonisten oder Azol-Antimykotika) eine Zunahme.

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Dosierung, Verabreichung, Kosten

Bilastin (Bilaxten®) ist als Tablette zu 20 mg erhältlich, was der empfohlenen Tagesdosis entspricht. Es wird nahegelegt, die Tablette mindestens eine Stunde vor oder frühestens zwei Stunden nach dem Konsum von Nahrung oder Fruchtsäften einzunehmen. Bei fortgeschrittener Nieren- oder Leberinsuffizienz soll man von Bilastin absehen. Zur Anwendung bei schwangeren und stillenden Frauen sowie bei Kindern unter 12 Jahren existieren keine Daten.

Bilastin ist sowohl rezept- wie kassenpflichtig. Die Tagesdosis von 20 mg kostet knapp 83 Rappen. Andere Antihistaminika liegen preislich in einem ähnlichen Bereich. Billiger sind einzig die Generika von Cetirizin und Loratadin mit 57 bzw. 43 Rappen.

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Kommentar

Die neueren Antihistaminika, die sich auf dem Markt befinden, sind nicht eine Medikamentengruppe, die als problembehaftet auffällt und bei der es Lücken zu schliessen gälte. Insofern kann man Bilastin als ziemlich entbehrlich bezeichnen, umso mehr als das Mittel über keine offenkundigen Vorteile verfügt. Es mag sein, dass Bilastin etwas seltener als beispielsweise Cetirizin eine Sedation hervorruft – die aber auch bei Cetirizin nichts Vorherrschendes darstellt. Andererseits ist die Anweisung, Bilastin nur nüchtern einzunehmen, als nicht zu unterschätzende Einschränkung zu betrachten, besonders bei einem Antihistaminikum, das gelegentlich einfach bei Bedarf und ohne grosses Überlegen verwendet werden will.

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Literatur

  1. Bachert C et al. Allergy 2010; 65 (Suppl 93): 1–13
  2. Church MK. Expert Opin Drug Saf 2011; 10: 779–933
  3. Jáuregui I et al. Expert Rev Clin Immunol 2012; 8: 33–41
  4. Bachert C et al. Allergy 2009; 64: 158–65
  5. Kuna P et al. Clin Exp Allergy 2009; 39: 1338–47
  6. Sastre J et al. Curr Med Res Opin 2012; 28: 121–30
  7. Zuberbier T et al. Allergy 2010; 65: 516–28
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Standpunkte und Meinungen

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pharma-kritik, 34/No. 4
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Bilastin (10. Juli 2012)
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