Pharma-Kritik

Tinnitus

Etzel Gysling
pharma-kritik Jahrgang 35 , Nummer online, PK907
Redaktionsschluss: 23. September 2013

Das britische Drug and Therapeutics Bulletin hat im Februar 2013 einen Text über die Möglichkeiten der Tinnitus-Behandlung veröffentlicht, (1) der im Folgenden kurz zusammengefasst wird.

Obwohl es bei rund 10% aller Leute vorkommt, dass sie etwas «hören» ohne dass äusserlich akustische Phänomene feststellbar sind, klagen doch nicht so viele über einen störenden Tinnitus. Immerhin sollen etwa 0,5% der Bevölkerung sehr stark von Ohrgeräuschen oder Tönen gestört sein. Personen, die vom Tinnitus nur wenig gestört werden und keine Gehörsschädigung aufweisen, können in der hausärztlichen Praxis betreut werden. Ihnen kann mit beruhigender Aufklärung geholfen werden. In schwierigeren Fällen ist die fachärztliche Unterstützung oder gar die Überweisung an ein spezialisiertes Tinnituszentrum indiziert. Der weit verbreitete «Tinnitus Questionnaire» umfasst 52 Fragen, mit denen das Ausmass der Beeinträchtigung erfasst werden kann.(2) In den klinischen Studien sind allerdings noch mehrere andere, teilweise ebenfalls validierte Skalen verwendet worden.

Für die symptomatische Tinnitus-Behandlung sind eine grosse Zahl nicht-medikamentöser Methoden und einige Medikamente empfohlen worden. Nur wenige dieser Verfahren können sich jedoch auf repräsentative und methodologisch befriedigende Studien stützen. 

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Nicht-medikamentöse Therapie

Gemäss einer systematischen Übersicht ist Akupunktur bei Tinnitus in acht randomisierten Studien evaluiert worden, meistens im Vergleich mit Pseudoakupunktur («sham acupuncture»).(3) Viele dieser Studien hatten methodologische Schwächen; die meisten konnten keine signifikante Wirkung der Akupunktur zeigen. Die Autoren der Übersicht vertreten die Meinung, Akupunktur könnte eine valable Option darstellen, wenn es gelänge, ihre Wirkung bei Tinnitus besser zu dokumentieren. Zurzeit seien jedoch keine Schlussfolgerungen möglich.

Ob die Gehörs-Wahrnehmung so trainiert werden kann, dass ein Tinnitus weniger stört, wurde in 10 Studien untersucht – keine davon erbrachte eine signifikante Besserung.

In der Cochrane Library findet sich eine systematische Übersicht zur Wirksamkeit einer kognitiven Verhaltenstherapie bei Tinnitus.(4) Diese Therapie führte zu einer Verbesserung der Lebensqualität, im Vergleich sowohl mit keiner Therapie (Warteliste) als auch mit anderen Interventionen (z.B. Yoga). Die Übersicht konnte jedoch keinen Vorteil der kognitiven Therapie bezüglich Lautstärke des Tinnitus feststellen.

Von Hörgeräten wird angenommen, sie könnten auch bei geringem Gehördefizit den Tinnitus vorteilhaft beeinflussen. Kontrollierte Studien zu dieser Aussage lassen sich aber nicht finden.

Eine Cochrane-Analyse befasste sich mit der Wirkung einer hyperbaren Sauerstoff-Therapie bei Hörsturz und Tinnitus. Obwohl ein positiver Einfluss dieses Verfahrens auf das Gehör vermutet werden kann, liess sich die Auswirkung auf den Tinnitus nicht zusammenfassend beurteilen.(5) Studien bei chronischem Tinnitus konnten keinen Unterschied zwischen der Sauerstofftherapie-Gruppe und der Kontroll-Gruppe finden.

Eine Behandlung mittels Hypnose kann allenfalls entspannend wirken und so einen Tinnitus besser erträglich machen.

In zwei Studien wurde eine Selbstbehandlung mit einem Selbsthilfebuch evaluiert; die Vergleichsgruppe erhielt keine Therapie (Warteliste). Die Selbstbehandlung war mässig erfolgreich.

Niederenergetische Lasertherapie soll bei direkter Applikation in der Cochlea das Aktionspotential des achten Hirnnerven reduzieren. Nur in einer kleinen Studie konnten damit Tinnitus-Symptome gelindert werden; vier weitere Studien ergaben kein signifikantes Resultat.

Gemäss einer systematischen Übersicht kann eine Entspannungstherapie (z.B. Qigong) einen Tinnitus erträglicher machen.(6)

In mehreren Studien wurde eine wiederholte transkraniale Magnetstimulation eingesetzt. Obwohl der Tinnitus in den meisten dieser Studien günstig beeinflusst wurde, erscheinen die Resultate aus methodologischen Gründen nicht überzeugend.

Ob ein Tinnitus mittels Geräuschanreicherung (Umgebungsgeräusche, Musik) oder «white noise» erfolgreich «übertönt» werden kann, konnte in einer Cochrane-Analyse nicht überzeugend nachgewiesen werden.(7)

Eine «Tinnitus retraining therapy», d.h. eine Kombination von Beratung mit Geräuschanreicherung, erbrachte in einer (qualitativ wenig befriedigenden) Studie ein viel besseres Resultat als nur ein Übertönen.

Auch die Anwendung von Ultraschall ist nur wenig dokumentiert und in ihrer Wirkung unsicher.

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Medikamente

Es muss vorausgeschickt werden, dass keines der bisher bei Tinnitus verwendeten Medikamente offiziell für diese Indikation zugelassen ist. Einzelne Substanzen sind immerhin in – meistens kleinen – Studien untersucht worden:

Acamprosat (Campral®), das sonst zur Erhaltung einer Alkoholabstinenz eingesetzt wird, ergab in zwei kleinen kontrollierten Studien eine gegenüber Placebo signifikante Besserung des Tinnitus. Die Autoren der britischen Übersicht bezweifeln jedoch die klinische Relevanz dieser Resultate.(1) Die Wirksamkeit von Antiepileptika bei Tinnitus wurde in mindestens acht Placebo-kontrollierten Studien geprüft. Gesamthaft kann aufgrund dieser Studien bestenfalls auf eine bescheidene Wirkung von Antiepileptika geschlossen werden. Auch Antidepressiva könnten wirksam sein, besonders trizyklische Medikamente, wobei allerdings auch mit unerwünschten Wirkungen gerechnet werden muss.(8) Eine methodologisch gute Studie mit Paroxetin (Deroxat® u.a.) sowie eine Studie mit Trazodon (Trittico®) konnten keine Wirksamkeit zeigen. Benzodiazepine sind nur wenig untersucht worden; in einer kleinen Studie reduzierte Clonazepam (Rivotril®) die Tinnitussymptome signifikant stärker als Placebo, verursachte aber auch verschiedene unerwünschte Wirkungen. Drei relativ grosse Studien sind mit Ginkgo durchgeführt worden; keine ergab eine signifikante Besserung des Tinnitus.(9) Melatonin ist ebenfalls als Tinnitus-Therapie vorgeschlagen worden; jedoch gelang es nur in einer von vier kontrollierten Studien, einen günstigen Effekt auf den Tinnitus zu zeigen, der über die Placebowirkung hinausging.(10) Immerhin war dieses Medikament gut verträglich.

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Schlussfolgerungen

Obwohl auch für die nicht-medikamentösen Massnahmen nicht sehr überzeugende Daten vorliegen, empfiehlt sich primär eine Therapie ohne Medikamente, z.B. eine entspannende Behandlung oder eine kognitive Verhaltenstherapie. Wenn Medikamente wie Antidepressiva oder Anxiolytika versucht werden, müssen auch die möglichen Nebenwirkungen bedacht werden.

Zusammengefasst von Etzel Gysling

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Literatur

  1. Anon. Drug Ther Bull 2013; 51: 20-4
  2. Hallam RS et al. Br J Clin Psychol 1988; 27: 213-22
  3. Kim JI et al. BMC Complement Altern Med 2012; 12: 97
  4. Martinez-Devesa P et al. Cochrane Database Syst Rev 2010; (9): CD005233
  5. Bennett MH et al. Cochrane Database Syst Rev 2012; (10): CD004739
  6. Hoare DJ et al. Larnygoscope 2011; 121: 1555-64
  7. Hobson J et al. Cochrane Database Syst Rev 2012; (11): CD006371
  8. Baldo P et al. Cochrane Database Syst Rev 2012 ; (9) : CD003853
  9. Hilton MP et al. Cochrane Database Syst Rev 2013; (2): CD003852
  10. Hurtuk A et al. Ann Otol Rhinol Laryngol 2011; 120 : 433-40
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Standpunkte und Meinungen

Datum des Beitrags: 8. Februar 2014 (23:17:10)
Verfasst von: Herr Mario Beck, Assistenzarzt (Luzern)

Beobachtung
Beobachtet: Anhaltende Symptomfreiheit eines seit ca. 4 Wochen an Tinnitus leidenden Patienten nach drei Tagen Einnahme von Doxycyclin. Freie Assoziation: Selektive Chemoablation von metabolisch instabilen (vulnerablen) Haarzellen durch ein potentiell ototoxisches Medikament ?

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