Pharma-Kritik

Die bessere Medikamentenkarte (ohne Passwort zugänglich)

Etzel Gysling
pharma-kritik Jahrgang 35 , Nummer 8, PK912
Redaktionsschluss: 18. Oktober 2013

ceterum censeo

Viele unserer Patientinnen und Patienten erhalten heute zahlreiche Medikamente. Nicht vergebens wird deshalb die Abgabe (und regelmässige Überprüfung) einer Medikamentenkarte – mit allen relevanten Einzelheiten zur Einnahme – als wichtiges Qualitätsmerkmal einer Praxis angesehen.(1) Dabei handelt es sich zwar nach wie vor nicht um ein obligatorisches Element der Therapie. Am Nutzen des kleinen Dokuments für die Behandelten selbst und für alle, die medizinisch (im weitesten Sinne) mit ihnen zu tun haben, ist aber nicht zu zweifeln. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird die Komplexität der Pharmakotherapie in Zukunft noch zunehmen und selbst für Leute, die nur wenige Medikamente benötigen, ist es vorteilhaft z.B. überprüfen zu können, für wie lange ein Arzneimittel genommen werden muss. «Therapietreue» ist ja keine einfache Sache, etwas Hilfe mittels Medikamentenkarte kann daher nicht schaden.

Ich gehe nun das Risiko ein, von den einen Leserinnen und Lesern als Spinner mit hoffnungslos utopischen Ideen angesehen, von anderen dagegen ausgelacht zu werden, weil mein Vorschlag quasi offene Türen einrennt. Die bessere Medikamentenkarte ist nämlich keine Karte und auch nicht aus Papier, sondern gewissermassen ein digitales Tröpfchen in der Wolke. Mit anderen Worten: es handelt sich um ein verschlüsseltes Dokument in der «Cloud», zu dem medizinische Fachleute jeder Couleur mit Erlaubnis des betreffenden Individuums Zugang haben. Gegenüber unseren heutigen Medikamentenkarten hätte ein solches Dokument sehr viele Vorteile für alle Beteiligten.

Es ist klar, dass die Struktur der virtuellen Medikamentenkarte sorgfältig überlegt und ausgetestet werden muss. Wesentlich wäre, «laienfreundliche» Informationen einzuschliessen (z.B. zu den Indikationen). Eine genaue Datierung und Terminierung sowie die Identität der Verschreibenden sind selbstverständlich. Ebenso ist unbedingt anzustreben, dass wirklich alle Verschreibenden ihre Verordnungen eintragen. Weil es so einfach ist, in der Cloud ein Archiv zu führen, liesse sich in jedem Fall eine – nach Bedarf weit zurückreichende – Medikamentenanamnese erstellen.

Warum aber muss dieses Dokument in der Cloud sein? Dies ist unerlässlich, da nur so eine umfassende Verfügbarkeit der Information sichergestellt werden kann. Nur so kann in jeder Situation die Information abgerufen werden: Weil Patienten und Patientinnen Eigentümer der virtuellen Karte und damit auch des individuellen Zugangscodes sind, steht die Information immer zur Verfügung, wenn sie benötigt wird. Dabei sind verschiedene Formen der Aufbewahrung des Zugangscodes denkbar. In einer Zeit, in der auch ältere Leute mehr und mehr mobile Geräte wie Handys mit sich tragen, ist natürlich ein Zugang über diese naheliegend. Der Code könnte aber auch auf einem kleinen Kärtchen oder in anderer Form bereitgehalten werden. (Ich bin kein Fachmann für geeignete Datenschutzmassnahmen, aber überzeugt, dass sich Lösungen finden lassen.)

Noch vor rund 10 Jahren wäre eine virtuelle Medikamentenkarte, wie ich sie vorschlage, unmöglich gewesen. Damals fehlten genügende Erfahrungen mit Cloud-basierten Anwendungen; zudem waren die Speicherkapazität der Server und die Verbreitung von mobilen Geräten viel geringer. Selbst das im Jahr 2008 gestartete Projekt «Google Health», das ähnliche Ziele hatte, ist nach wenigen Jahren am mangelnden Interesse der Allgemeinheit gescheitert. Seither steigt die Attraktion von  – überall verfügbarer – digitaler Information ständig, «Apps» und «Skype» sind in aller Munde. Gleichzeitig hat das Know-How zu den Anwendungen in der Cloud zugenommen. Vieles, das einst nur am Computer verwendet werden konnte, steht auch an mobilen Geräten zur Verfügung. Es besteht kein Grund, sich wegen «fremder Herren» Sorgen zu machen – entsprechende Server können problemlos auch in der Schweiz stationiert und unterhalten werden. Ein Vorbehalt: Auch wenn ich die virtuelle Medikamentenkarte als Eigentum jeder einzelnen Person sehe, denke ich, die Initiative dazu muss aus dem medizinischen Bereich kommen. Nur so ist gewährleistet, dass die erwünschte Verbesserung der Kommunikation erreicht wird.

Am offensichtlichsten sind die Vorteile einer virtuellen Medikamentenkarte an den Schnittstellen. Niemand würde mehr das Spital verlassen, ohne über eine aktualisierte Medikationsübersicht für die hausärztliche Praxis, die Apotheke, allenfalls auch für Spitexdienste oder eine Chronischkranken-Institution zu verfügen. Dies gilt selbstverständlich auch «in umgekehrter Richtung», also bei Spitaleintritt. Dabei ist von Bedeutung, dass die Cloud Informationen an einem beliebigen Bildschirm – am Computer, am Tablet, am Mobiltelefon – vermittelt. Überall dort, wo ein Drucker vorhanden ist, sollte die Liste auch in geeigneter Form gedruckt werden können. Für Personen mit Sehbehinderung sollte die Option vorhanden sein, sich die Liste vorlesen zu lassen. Dies alles sollte mit den heutigen Möglichkeiten eigentlich keine Hexerei mehr sein.

Um die Arbeit mit der virtuellen Liste zu vereinfachen, sollte jede Patientin, jeder Patient diejenigen Personen definieren, die permanent Zugang zu Ihrer Medikamenten-Info haben (natürlich mit der Möglichkeit, diese Bewilligung jederzeit zu revozieren). So könnte sich beispielsweise eine Spitex-Pflegefachfrau – wenn sie berechtigt wäre – schon über im Spital veränderte Verordnungen ins Bild setzen, bevor jemand wieder zuhause angelangt ist. Oder der Hausarzt hätte am gleichen Tag, an dem jemand augenärztlich behandelt würde, genaue Informationen zu neu verordneten Augenmedikamenten.

Glänzen wird die virtuelle Medikamentenkarte auch im Bereich der Arzneimittelsicherheit. Dank einem automatischen Abgleich mit entsprechenden Listen würde jede Verschreibung auch zu einer generischen Verschreibung. Würde beispielsweise das Präparat Aprovel® verschrieben, so enthielte die Liste neben dem Markennamen «automatisch» sogleich auch den generischen Namen Irbesartan. Dass es von Vorteil ist, die generische Bezeichnung zu kennen, ist ja nicht nur im Hinblick auf kostengünstigere Generika von Bedeutung, sondern auch um Doppelverschreibungen und andere Irrtümer zu vermeiden. Von grosser Bedeutung ist sodann die Soforterkennung von Arzneimittel-Interaktionen. Wird ein neues Medikament verordnet und in die Liste eingetragen, so erfolgt unmittelbar eine Überprüfung möglicher Interaktionen mit den bereits verordneten Medikamenten. Online ist es möglich, einen ständig aktualisierten Katalog von Interaktionen zu führen, was wiederum allen Beteiligten einige Sorgen abnimmt. Werden mögliche Interaktionen entdeckt, so haben die Verschreibenden selbstverständlich die Option, diese bewusst als zu wenig bedeutsam in Kauf zu nehmen (und dies auch online zu bestätigen). 

Wenn es gelänge, die virtuelle Medikamentenkarte bei möglichst vielen Leuten einzuführen, dann müsste geprüft werden, in welcher Form die in diesen Dokumenten enthaltenen Informationen in anonymisierter Form extrahiert und erforscht werden könnten. Es besteht nämlich kein Zweifel, dass auf diese Weise die Daten zu den unerwünschten Arzneimittel-Wirkungen eine völlig neue Dimension erreichen könnten. So würde es dann möglich, dass man die Häufigkeit bestimmter Probleme viel besser in Relation zur Häufigkeit der Verschreibung bringen könnte.

Wird nun mit diesem Projekt nicht ein Rad erfunden, das andernorts längst im Gebrauch ist und sich bewährt hat? Meine Suche nach einer Antwort auf diese Frage hat keine sehr überzeugenden Resultate erbracht. Es gibt, besonders in den USA, ein paar ähnliche Angebote, aber alle mit eindeutigen Nachteilen. Ein Web-basiertes Angebot, «PBOmd Practice Management», erfüllt viele meiner Anforderungen, bietet aber noch sehr viel mehr.(2)  Es eignet sich daher kaum für unsere Verhältnisse, da hierzulande andere Praxisbereiche bereits von guter Software abgedeckt sind. Einen relativ guten Eindruck macht «My Medications» von der American Medical Association;(3)  diese App ist allerdings nur für Apple-Geräte (iOS) erhältlich, nicht Cloud-basiert, also in ihrer Anwendbarkeit stark eingeschränkt. Andere Angebote sind fast ausschliesslich auf die Verbesserung der Compliance ausgerichtet oder dann offensichtlich kommerziell orientiert.

Ja, ich höre die skeptischen Stimmen, die meinen, dies alles sei von unserer Realität weit entfernt. Es ist mir bewusst, dass man in der Schweiz schon seit Jahren von «eHealth» spricht und schon die verschiedensten, viele «Geundheitsbereiche» betreffenden Projekte vorgelegt hat. Ein Blick in aktuelle Dokumente von ehealthsuisse zeigt aber ein ernüchterndes Bild. (4) Es gibt zwar regionale Initiativen – der Kanton Wallis hat dabei sogar die Bezeichnung «Infomed» usurpiert –, gesamthaft ist jedoch von den auf 2012 bis 2015 terminierten Zielen so gut wie nichts vorhanden. Eine virtuelle Medikamentenkarte wäre aber eine dringende Notwendigkeit und zudem mit relativ bescheidenen Mitteln rasch realisierbar. Voraussetzung wäre natürlich, dass die Politik, die Lobbyisten und Lobbyistinnen und die vielen Pseudo-Fachleute ferngehalten werden könnten. Die greifbaren Vorteile eines virtuellen Medikationsdossiers beruhen auf dem unmittelbaren Nutzen eines solchen Instruments: Patientinnen und Patienten würden von einer erhöhten Arzneimittel-Sicherheit profitieren; für alle, die medizinische und pflegerische Leistungen erbringen, wäre die Kommunikation stark verbessert; schliesslich hätten auch die Krankenkassen und anderen Versicherungen einen spürbaren Nutzen, unter anderem weil weniger Leute wegen Arzneimittel-Problemen hospitalisiert werden müssten. Dass primär nicht alle Software-Systeme – in den Praxen, Spitälern, Apotheken - angepasst sein können, halte ich für das kleinere Übel. Wahrscheinlich wäre es sinnvoll, die virtuelle Karte initial in ein paar interessierten Ärztenetzwerken einzuführen. Denkbar und zu hoffen ist, dass mit diesem ersten Baustein ein Element geschaffen wird, das rasch adoptiert wird und später Anlass zum Ausbau gibt – wer weiss, sogar mithilfe von ehealthsuisse?


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Literatur

  1. EQUAM-Modul
  2. PBOmd Practice Management
  3. "My Medications" App (AMA)
  4. eHealth Suisse: Ziele und Stand von "eHealth"
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