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Wohin?

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Zusammerfasser(in): Etzel Gysling
infomed screen Jahrgang 21 (2017), Nummer 6
Datum der Ausgabe: Dezember 2017

Seit 1995 habe ich für dieses «infomed-screen» Hinweise zur Verwendung des Internets und besonders auch für «medizinische» Anwendungen verfasst. In den mehr als 20 Jahren hat sich aber eine enorme Wandlung des Internets vollzogen und so zu Veränderungen geführt, die sich kaum voraussehen liessen und deren Nutzen-Risiko-Verhältnis kontinuierlich neu beurteilt werden muss. Ich erlaube mir deshalb, hier einmal nicht auf nützliche (oder weniger nützliche) Anwendungen hinzuweisen, sondern auf den aktuellen Stellenwert der Institution «Internet», auf ihre Auswirkungen und auf ihre mögliche Zukunft einzugehen.

Mitte der 90-er Jahre war das Internet ein unwahrscheinlich attraktives Projekt, das nicht nur eine ideale internationale Kommunikation, sondern insbesondere einen weitgehend kostenfreien Zugang zu Daten aller Art für «alle Menschen guten Willens» versprach. Vieles hat sich bewahrheitet – so profitieren wir z.B. als kritische Beobachter der medizinischen Forschung von den enormen Möglichkeiten grosser Datenbanken und früher unzugänglicher Dokumente von Behörden.

Leider zeigte sich schon bald, dass nicht alle, die das Internet nutzen, guten Willens sind. Unter dem Schutz der Anonymität werden frei erfundene Nachrichten verbreitet, Computerschädlinge versandt und andere Leute unflätig beschimpft. Gewieften Gaunern scheint es ja fast immer zu gelingen, ihre wahre Identität zu verheimlichen. Massiv verschlechtert hat sich das Nutzen-Risiko-Verhältnis in den letzten zehn Jahren, seit das Internet via Smartphone quasi ständig und für alle zur Verfügung steht. Sogenannte soziale Medien, die vielleicht initial tatsächlich dem Gemeinschaftssinn hätten dienen können, sind heute in erster Linie eine unaufhörlich sprudelnde Geldquelle für Internet-Kapitalisten. Natürlich kann man im Hinblick auf einige Änderungen verschiedener Meinung sein: was mir nicht gefällt – der Niedergang der traditionellen Printmedien, das allmähliche Verschwinden von «realen» Fachgeschäften – ist für andere wohl ein unvermeidlicher Vorgang, der Lauf der Welt.

Anderes ist aber längst nicht nur die Sorge eines einzelnen alten Mannes. Wie viele andere spricht auch Tim Berners-Lee, der Erfinder des Internets, von einer bedrohlichen Entwicklung (siehe: http://pkweb.ch/2iO3dGk). Dass man mit raffinierten Lügen die Demokratie untergraben kann, ist ein besonders beunruhigendes Phänomen. Aber auch die Tatsache, dass junge Leute immer häufiger depressiv sind und auch häufiger Selbstmord begehen (siehe: http://pkweb.ch/2iPrSKT) steht im Zusammenhang mit dem in den letzten Jahren zunehmenden Internetkonsum. Es ist unvermeidlich, dass mehr Stunden vor dem (oft kleinen) Bildschirm weniger Stunden mit «echten» sozialen Kontakten und allenfalls auch weniger Stunden Schlaf entsprechen – beides Faktoren, die für das psychische Gleichgewicht bedeutsam sind. 

Wenn wir nicht weiter Zauberlehrling spielen wollen, sollten wir uns dringend um diese Fragen kümmern.

Etzel Gysling

 

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