Pharma-Kritik

Mönchspfeffer

Peter Ritzmann
pharma-kritik Jahrgang 26, Nummer 8, PK103
Redaktionsschluss: 7. Oktober 2004
DOI: https://doi.org/10.37667/pk.2004.103
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Extrakte aus Mönchspfeffer-Früchten werden zur Behandlung des prämenstruellen Syndroms empfohlen. In der Schweiz sind Agnolyt® und die im Komarketing vertriebenen Opran® und PreMens® als kassenzulässige Präparate erhältich.

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Biologie/Pharmakologie

Der Mönchspfeffer (Vitex agnus castus) ist ein Strauch, der im Mittelmeerraum und Zentralasien beheimatet ist. In antiken Texten wurden seine Blätter z.B. zur Behandlung von Menorrhagien und zur Unterstützung der Nachgeburt empfohlen. Die erwähnten kassenzulässigen Präparate enthalten standardisierte Trockenextrakte von Mönchspfeffer-Früchten.

Möchspfeffer-Früchte enthalten unter anderem essentielle Öle, Iridoid-Glykoside (z.B. Agnusid, nach dessen Gehalt Extrakte standardisiert werden), Diterpene und Flavonoide. Für die Extrakte sind dopaminerge Wirkungen sowie (unter höheren Dosen) eine verminderte Prolaktin-Freisetzung dokumentiert worden. Es wird vermutet, dass über diese Effekte verschiedene prämenstruelle Beschwerden (z.B. Spannungsgefühle in den Brüsten) vermindert werden. Neuere Studien zeigten aber auch östrogenartige Wirkungen.(1,2)

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Pharmakokinetik

Daten zur Resorption, zur Bioverfügbarkeit oder zum Metabolismus der Inhaltsstoffe von Mönchspfeffer-Extrazkten fehlen.

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Klinische Studien

Randomisierte Studien wurden fast ausschliesslich bei Frauen mit prämenstruellen Beschwerden verschiedener Art durchgeführt. Unter dem Begriff des prämenstruellen Syndroms (PMS) werden Symptome wie Spannungsgefühl und Druckempfindlichkeit der Brüste, Kopf- und Rückenschmerzen, Schmerzen im Unterbauch, Verstopfung oder Durchfall, Ödeme, Gewichtszunahme sowie psychische Symptome zusammengefasst, die regelmässig in der zweiten Zyklushälfte auftreten und mit dem Ende der Menstruation vollständig verschwinden. Ein prämenstruelles dysphorisches Syndrom (PMDS) mit prämenstruellem Auftreten mehrerer psychischer Symptome (Energielosigkeit, Stimmungsschwankungen, Ängste, Reizbarkeit, depressive Stimmung, Veränderung der Libido) mit oder
ohne körperliche Beschwerden ist nur unscharf vom PMS abgegrenzt.

Placebokontrollierte Studien

Für die grösste placebokontrollierte Studie wurden mit Inseraten Frauen zwischen 18 und 46 Jahren gesucht, die nach eigenem Dafürhalten an einem PMS litten. 600 Frauen, die mindestens mittelschwere affektive Störungen angaben, wurden nach dem Zufall einer Behandlung mit einem Mönchspfeffer- Präparat (3-mal täglich 2 Tabletten mit 300 mg Trockenextrakt) oder mit Placebo zugeteilt. Fast zwei Drittel der Frauen in beiden Gruppen brachen die Studie vor Ende der dreimonatigen Behandlungsdauer ab. Bei den übrigen verbesserten sich die primär untersuchten affektiven Symptome deutlich, allerdings ohne signifikanten Unterschied gegenüber Placebo. Lediglich für das Symptom «Nervosität oder Ruhelosigkeit» war die Verbesserung unter dem Mönchspfeffer-Präparat signifikant grösser. Nicht signifikant waren auch Vorteile bezüglich einzelner somatischer Symptome.(3)

Ein für das Mönchspfeffer-Präparat vorteilhaftes Resultat zeigte hingegen die zweitgrösste placebokontrollierte Studie. 170 Patientinnen internistischer Polikliniken, welche die diagnostischen Kriterien für ein prämenstruelles dysphorisches Syndrom erfüllten, wurden nach dem Zufall während drei Zyklen mit täglich einer Tablette eines Mönchspfeffer-Extraktes (entsprechend Opran®, PreMens®) oder Placebo behandelt. Als Endpunkte dienten sechs Symptome, die von den Frauen über drei
Zyklen hinweg anhand einer visuellen Analogskala beurteilt wurden. Signifikant grössere Verbesserungen wurden registriert bezüglich Reizbarkeit, Stimmungsveränderungen, Ärger, Kopfschmerzen und Spannungsgefühl in den Brüsten. Andere prämenstruelle Symptome wurden nicht beeinflusst. Eine Reduktion
der Beschwerden um mindestens die Hälfte gaben 52% der mit Mönchspfeffer behandelten Frauen an, in der Placebogruppe waren es lediglich 24%.(4)

Zwei kleinere placebokontrollierte Studien mit einem anderen Mönchspfeffer-Extrakt zeigten einen Nutzen für Frauen mit zyklusabhängigen Schmerzen in den Brüsten. So stieg beispielsweise in der einen Studie die Zahl schmerzfreier Tage um 15% an gegenüber 8% unter Placebo. Auch andere prämenstruelle Beschwerden waren unter Mönchspfeffer seltener; in dieser Gruppe sanken die Prolaktinwerte signifikant stärker ab als unter Placebo.(5,6)

Andere kontrollierte Studien

In einer doppelblinden Studie bei 175 Frauen mit «prämenstruellem Spannungssyndrom» wurde eine Mönchspfeffer- Tablette (Agnolyt®, einmal täglich) mit einer Behandlung mit Pyridoxin (Vitamin B6, zweimal 100 mg täglich) verglichen. Die prämenstruellen Beschwerden besserten sich in beiden Gruppen. Die Studienverantwortlichen interpretierten den Effekt des Mönchspfeffer-Präparates als «mindestens ebenso wirksam wie die Pyridoxin-Behandlung».(7)
In einer kleineren, einfachblinden Studie wurde ein Mönchspfeffer- Präparat bei 41 Frauen mit prämenstrueller dysphorischer Störung untersucht. Als Vergleichsbehandlung diente Fluoxetin (Fluctine® u.a.). Nach zwei Behandlungsmonaten hatten in beiden Gruppen etwa 60% der Behandelten eine Besserung ihrer Beschwerden erreicht. Dabei wurden unter Fluoxetin eher psychische und unter Mönchspfeffer eher körperliche Symptome beeinflusst.(8)

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Unerwünschte Wirkungen

In den kontrollierten Studien wurden Übelkeit und Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Exantheme, Zyklusstörungen und verstärkte Menstruationsblutungen als häufigste unerwünschte Wirkungen registriert. Vor allem Exantheme scheinen häufiger als unter Placebo aufzutreten. Unklar ist, ob Mönchspfeffer- Extrakte östrogenartige Nebenwirkungen verursachen und ob sie östrogensensitive Tumorzellen beeinflussen. Zu den seltenen publizierten Fällen von unerwünschten Ereignissen unter Mönchspfeffer-Präparaten zählen je ein Fall mit Hepatitis (9) und mit einem zerebralen Krampfanfall,(10) die beide unter einer Kombination verschiedener Phytotherapeutika (u.a. auch mit Traubensilberkerze) aufgetreten waren.

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Interaktionen

Es sind keine Interaktionen von Mönchspfeffer-Extrakten mit anderen Medikamenten belegt. Als möglich erachtet wird eine Beeinflussung von Medikamenten, die als Dopaminantagonisten oder -agonisten wirken. Denkbar sind auch Interaktionen mit Östrogenen oder Medikamenten wie Tamoxifen (Nolvadex ® u.a.).

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Dosierung, Verabreichung, Kosten

In der Schweiz sind zwei kassenzulässige Mönchspfeffer- Präparate im Handel: 1 Kapsel Agnolyt® enthält durchschnittlich 3,85 mg Trockenextrakt und 1 Dragée Opran® oder Pre- Mens® 40 mg Trockenextrakt (entsprechend 20 mg nativem Mönchspfeffer-Extrakt). Die empfohlene Dosierung bei prämenstruellem Syndrom beträgt 1 Kapsel oder 1 Dragée täglich. Es wird eine Behandlungsdauer von mindestens 2 bis 3 Monaten empfohlen.

Die Anwendung in der Schwangerschaft gilt als kontraindiziert. Entsprechende Untersuchungen fehlen; auch muss eine wehenauslösende Wirkung vermutet werden. Die Empfehlungen zur Anwendung in der Stillzeit sind widersprüchlich. Einzelne Quellen halten Mönchspfeffer bei stillenden Frauen für problemlos,(1) andererseits wird eine hemmende Wirkung auf die Laktation vermutet. Mönchspfeffer-Präparate werden in der Stillzeit besser vermieden.

Bei Verwendung der grössten Packung entstehen monatliche Kosten zwischen CHF 14.55 (Agnolyt®) und CHF 18.10 (Opran®, PreMens®). Das ist deutlich teurer als beispielsweise eine Behandlung mit einem nicht-steroidalen Entzündungshemmer. So kostet z.B. die Einnahme eines Mefenaminsäure- Generikums (z.B. 3-mal täglich 250 mg) während der Tage mit Beschwerden nur 5 bis 7 Franken monatlich. Teurer ist eine Behandlung mit Spironolacton während der zweiten Zyklushälfte
(z.B. Primacton®, 100 mg täglich, etwa 21 Franken) oder eine kontinuierliche Behandlung mit einem Serotonin- Wiederaufnahmehemmer (Kosten zwischen 25 und 50 Franken pro Monat).

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Kommentar

Die vorliegenden Studien dokumentieren in erster Linie zweierlei: Mönchspfeffer-Präparate können prämenstruelle Beschwerden wie beispielsweise Schmerzen in den Brüsten lindern, sie sind jedoch eine mögliche Ursache unerwünschter Wirkungen an der Haut. Vieles bleibt offen: Die vorhandenen Daten lassen vermuten, dass Mönchspfeffer-Präparate bei einem Überwiegen von depressiven Symptomen weniger oder nicht wirksam sind. Und wie steht es mit den östrogenartigen
Wirkungen, wie beispielsweise mit dem Thromboembolierisiko bei Raucherinnen?

Von noch grösserer Bedeutung wäre es zu wissen, wie gross der Nutzen von Mönchspfeffer-Präparaten im Vergleich mit nicht-medikamentösen Behandlungen (z.B. Motivation zu körperlichem Training) ausfällt. Ein Behandlungsversuch mit Mönchspfeffer kann gerechtfertigt sein, wenn eine Frau mit körperlichen prämenstruellen Beschwerden eine medikamentöse medikamentöse Behandlung wünscht, aber ein pflanzliches Mittel vorzieht und kein erhöhtes Thromboembolierisiko aufweist.

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Literatur

  1. Brown DJ. in: Pizzorno JE. Textbook of Natural Medicine. New York: Churchill Livingstone; 1999: 1019-24
  2. Wuttke W et al. Phytomed 2003; 10: 348-57
  3. Turner S, Mills S. Complement Ther Med 1993; 1: 73-7
  4. Schellenberg R. Br Med J 2001; 322: 134-7
  5. Wuttke W et al. Geburtshilfe Frauenheilkd 1997; 57: 569-74
  6. Halaska M et al. Breast 1999; 8: 175-81
  7. Lauritzen C et al. Phytomed 1997; 4: 183-9
  8. Atmaca M et al. Hum Psychopharmacol Clin Exp 2003; 18: 191-5
  9. Whiting PW et al. Med J Aust 2002; 177: 440-3
  10. Tyagi A, Delanty N. Epilepsia 2003; 44: 228-35
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Standpunkte und Meinungen

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pharma-kritik, 26/No. 8
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Mönchspfeffer (7. Oktober 2004)
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